Heimat- und Geschichtsverein Schloßborn e.V.

Jakob Ohlig SchloßbornJahrzehntelang fehlte ein entscheidendes Puzzlestück unserer Ortsgeschichte: Wie kam es dazu, dass die US-Amerikaner im Mai 1945 ausgerechnet Jakob Ohlig als Bürgermeister von Schloßborn einsetzten? Ein neu aufgetauchter Brief und ein bewegendes Interview mit seiner Tochter lüften nun ein Geheimnis aus den Kriegsjahren.

Vorab ein herzliches Dankeschön: Dieser Bericht basiert in weiten Teilen auf Recherchen unserer Mitglieder sowie einem ausführlichen Artikel der Taunus Zeitung vom 2. März 2026. Wir bedanken uns ausdrücklich bei der TZ und insbesondere bei der Redakteurin Katja Weinig für die freundliche Erlaubnis, ihren Text umschreiben und in Auszügen für unsere Vereinswebsite veröffentlichen zu dürfen!

Für uns als Heimat- und Geschichtsverein (HGV) gleicht die Aufarbeitung der Ortsgeschichte oft einem Puzzlespiel. Manchmal fehlen über Jahrzehnte entscheidende Teile – bis ein plötzlicher Fund ein ganzes Kapitel der Vergangenheit in einem neuen Licht erscheinen lässt. Genau das ist in den vergangenen Monaten unserem Lokalhistoriker Christoph Klomann passiert. Es geht um die Frage: Warum wurde eigentlich Jakob Ohlig (1897–1987) im Mai 1945 von den US-amerikanischen Besatzungsbehörden als Bürgermeister von Schloßborn eingesetzt?

Ein Brief bringt alles ins Rollen

Der Stein kam ins Rollen, als der Sohn eines befreundeten Geschäftsmannes Christoph Klomann ein handschriftliches Dokument aus Privatbesitz übergab. Es handelte sich um einen Brief von Jakob Ohlig – eine Art Rechenschaftsbericht über seine Amtszeit von 1945 bis 1964. Da diese Zeit für die aufstrebende Gemeinde Schloßborn enorm prägend war, stand schnell fest, dass dieses Dokument für die geplante zweite Auflage der „Chronik der Gemeinde Schloßborn“ von großem Wert ist.

Um die Veröffentlichungsgenehmigung einzuholen, nahmen Christoph Klomann und HuGV-Vertreter André Roselt Kontakt zu den Erben auf. Dies führte schließlich zu einem bewegenden Interview mit Jakob Ohligs Tochter, der heute 92-jährigen Brigitte Giesbert, in Bingen. Was sie den beiden Heimatforschern erzählte, war ein streng gehütetes Familiengeheimnis aus den Kriegsjahren.

Die nächtliche Begegnung im Gemischtwarenladen

Frau Giesbert teilte eine Erinnerung aus ihrer Kindheit: Als neunjähriges Mädchen wachte sie mitten im Krieg nachts auf, weil sie fremde Stimmen aus dem kleinen Gemischtwarenladen ihres Vaters im Erdgeschoss (in der heutigen Weiherstraße) hörte. Neugierig schlich sie sich die Treppe hinunter und spähte in den abgedunkelten Raum.

Was sie sah, durfte eigentlich niemand sehen: Ein dunkel gekleidetes Ehepaar füllte hastig Kartoffeln und Konserven in einen Beutel. Ihr Vater hielt an der Außentür Wache, ihre Mutter half bei den Vorräten. Als die Mutter die kleine Brigitte entdeckte, war der Schreck groß – bei den Eltern, aber auch bei den fremden Besuchern. Die Eltern nahmen ihre Tochter umgehend beiseite und bläuten ihr ein, dass sie alles Gesehene sofort vergessen müsse. Niemand dürfe jemals davon erfahren. Das Kind verstand den Ernst der Lage und schwieg bis heute.

Die Fuchsmühle als rettendes Versteck

Wer waren die nächtlichen Kunden? Es handelte sich um das von den Nationalsozialisten verfolgte Ehepaar Daisy und Ludwig Theodor Roth. Sie hielten sich in der leer stehenden Fuchsmühle im Wald zwischen Schloßborn und Heftrich versteckt. Getreu ihrem Verständnis von christlicher Nächstenliebe half die Familie Ohlig den Flüchtenden heimlich mit Lebensmitteln – und riskierte damit ihr eigenes Leben.

Besuch am Karfreitag 1945

Dieses mutige Handeln erklärt die Ereignisse bei Kriegsende: Als die Amerikaner am Karfreitag 1945 Schloßborn kampflos befreiten, standen plötzlich amerikanische Offiziere und bewaffnete Soldaten in der Küche der Ohligs. Sie hatten die Familie Roth mitgebracht.

Auf die dringenden Aussagen und Empfehlungen der geretteten jüdischen Familie hin, machten die Amerikaner Jakob Ohlig unmissverständlich klar, dass er ab sofort der neue Bürgermeister von Schloßborn sei. Ohlig, der das Amt eigentlich gar nicht anstrebte, hatte keine andere Wahl. Am 26. Mai 1945 wurde er offiziell eingesetzt und bei späteren Wahlen im Amt bestätigt.

Wir sind sehr dankbar, dass Frau Giesbert diese Geschichte nun mit uns geteilt hat. Sie schließt eine wichtige Lücke in unserer Ortschronik und ist ein beeindruckendes Zeugnis von Zivilcourage in dunklen Zeiten.

 
Was aus den Beteiligten wurde

Bürgermeister Jakob Ohlig: Er prägte Schloßborn in seiner 19-jährigen Amtszeit (bis 1964) maßgeblich. Zu seinen Herausforderungen gehörten die Unterbringung von Ostflüchtlingen und die Modernisierung der Infrastruktur. In seine Zeit fallen der Bau der Mehrzweckhalle, der Friedhofstrauerhalle, des Feuerwehrgerätehauses sowie die Ausweisung neuer Baugebiete. Er gehörte zudem zu den Mitbegründern der örtlichen CDU.

Jacob Ohlig

Einweihung Kirchenbau SchloßbornEinweihung des Kirchenanbaus der Schloßborner Pfarrkirche am 11. Mai 1958
links: Pfarrer von Schloßborn Willy Schwertel (Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande) Verfolgter des Nazi-Regimes
2.v.l.: Bischof Wilhelm Kempf (Träger des großen Bundesverdienstkreuzes), Ehrenbürger Schloßborns
rechts: Jakob Ohlig, Bürgermeister von Schloßborn
Hintergrund: Eltern von Bischof Kempf, die aus Schloßborn stammten

Brigitte Giesbert (geb. Ohlig): Die Tochter trat in die Fußstapfen ihres Vaters. Sie leitete später als Beigeordnete das Dezernat für Soziales, Jugend, Schulen, Kindergärten und Kultur in Bingen. 1996 wurde sie dort zur ehrenamtlichen Bürgermeisterin gewählt. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande und Ehrenbürgerin der Stadt Bingen.

Brigitte Giesbert Ohlig

Daisy und Ludwig Theodor Roth: Daisy Roth (eine bekannte Tänzerin und Tochter des wohlhabenden Frankfurter Ballettmeisters Max Feretty) und ihr evangelisch getaufter, aber als "Halbjude" verfolgter Ehemann Ludwig Theodor überlebten den Krieg in der Fuchsmühle. Daisy Roth lebte dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1978. Leider fiel das historische Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert kurz nach ihrem Tod einer Brandstiftung zum Opfer und musste abgerissen werden.

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